Endlich wieder blauer Himmel und dann noch so ein Tag, doch lieber mal im Detail. Morgens ging es bei strahlend blauem Himmel und recht frischen Temperaturen in Trebinje Richtung Norden los. Über einen schnellen Anstieg in die Höhenzüge ging es über eine kurvenreiche, gut ausgebaute Strecke bis Gacko. Landschaftlich halbwegs reizvoll, sollte sich das Bild aber bald ändern. Ab Gacko dann in Richtung Mostar über eine sowas von kurvenreiche Straße durch eine unglaublich hügelige Landschaft. Von einem Tal ins nächste, immer nur rechts, links. Und das alles bei richtig guten Straßenverhältnissen. Wieso hat eigentlich keiner Bosnien auf dem Schirm, wenn es um Motorradfahren geht?
Vor Mostar bei Nevesinje kam das Navi dann auf die Idee mich auf die R435 zu lotsen, um Mostar zu umgehen. Wer fährt auch schon gerne durch eine Großstadt, ich nicht. Zu meiner Überraschung ging die Straße auf einmal in eine Schotterpiste über. Das Navi sagte mir noch 20 Kilometer bis zur nächsten Abzweigung. Naja, die 20 Kilometer werden ja nicht komplett so ein Schotter sein. Dachte ich. Waren sie auch nicht. Umdrehen wäre ja auch eine Alternative, habe ich das vor kurzem nicht schon mal gedacht? Am Anfang ware es ja nur normaler Schotter, danach ging es bergan mit groben Schotter, kleinen Felsen dabei und ausgewaschenen Spurrinnen. Wovon die waren? Keine Ahnung, hier kann eigentlich keiner fahren. Kurz und gut, ich als Flachlandgewöhnter versuchte also miit meinem Halbwissen diesen Schotterweg zu bewältigen. Finger komplett von der Handbremse und immer Zug am Gas und den Fuss jederzeit auf der Bremse bereit. Die Kälte merkte ich nicht mehr. Was der Schafhirte gedacht hat, dem ich auf der Passhöhe zugewinkt habe, möchte ich irgendwie gar nicht wissen. Eigentlich meint man ja, wenn man über den Berg ist, dann ist das schlimmste überstanden. Dann kamen zu dem grobem Schotter, den Steinschlägen und den Spurrinnen aber auch noch die Schlammpassagen im Schatten und die tiefen ausgewaschenen Pfützen. Also für die 20 Kilometer habe ich tatsächlich eine knappe Stunde gebraucht. Bin wohl doch kein Offroadfahrer. Belohnung dafür waren aber grandiose Ausblicke ins Tal und ein Panorama, das man auch nicht jeden Tag hat. Ein paar hundert Meter vor Ende des Schotterweges kam mir eine KTM auf meiner Spur im Schottermodus entgegengepflügt, er konnte noch halbwegs elegant ausweichen und trat den Weg nach oben an. Sah irgendwie gekonnter aus als meine Haltung. Viel Spaß Kollege.
Von der Passstraße entlassen, kam ich nach Konjic. Was für ein Kontrast, eben noch im Niemandsland und jetzt in einer Kleinstadt, die genauso irgendwo in Deutschland sein könnte mit ihren Einkaufsstraßen und Einwohnern. Es ging dann an einem See entlang über Jablanica weiter Richtung Norden. An der Neretva entlang auf einer kurvenreichen Straße anfangs immer dem Fluß folgend war das eine Straße, die vom Verlauf und von der Oberfläche keine Wünsche offen lies. Diese Straße setzte sich in der Ausprägung noch bis Kljuc so fort, kurvenschwingen ohne Ende und größtenteils mit wenig Verkehr, bis auf eine Ausnahme, auf die ich später zurückkomme. Ab Kljuc bis Bihac kam dann die bosnische Variante einer Schnellstraße zur Geltung. Offiziell Landstraße, hier fuhr aber keiner unter 120 km/h, außer mir vielleicht. Bihac war auch für mich das Tagesziel, da es aber erst 17 Uhr war, bog ich ab in Richtung Süden? Süden? Ja, von hier aus wollte ich noch einen Abstecher an die kroatische Küste machen. Den Grenzübergang erreichte ich nach zwanzig Minuten und war schnell in Kroatien.
Nur noch zum Tagesabschluß eine traumhafte Serpentinenstrecke, jedenfalls zu Beginn. Ab der Hälfte wandelte diese Traumstrecke sich dann zu der Schlaglochstrecke, die ich in Rumänien so lange vergeblich gesucht hatte. Aus der heutigen Erfahrung auf richtigem Schotter hatte diese Strecke allerdings nicht mehr soviel Schrecken für mich. Die Serpentinen und die dazwischen liegenden Abschnitte mit losem Sand und nur noch einer losen Deckschicht auf dem Asphalt nahm ich etwas vorsichtiger, aber kaum langsamer. Heraus aus der Anhöhe ging es über die 5169 in der Talsohle bis zur gut ausgebauten Hauptstraße 1. Wer die 5169 mit einem reinen Straßenmotorrad befahren möchte, sollte sein Gepäck schon etwas fester verzurren. Ich wandte einfach die Strategie, viel Geschwindigkeit hilft viel an. Mit dessen Hilfe überwand ich dann auch Schlaglöcher, in denen ich meinen Tankrucksack relativ einfach hätte verschwinden lassen können. Aber, je mehr Geschwindigkeit, desto lauter der Wums, desto schneller aber auch durch.
Zum Abschluß des Tages fand ich dann in Gracac eine Unterkunft, in der ich beim abendlichen Bier von einem richtig gut informiertem Bekannten des Inhabers noch über die Hintergründe des Balkankonflikts und die verschiedenen Ethnien informiert wurde. War mal wieder ein sehr informativer Abend.
Was ich am Motorradfahren so mag: Wenn man kilometerweise in einer Kolonne mitfährt ohne grosse Möglichkeit zu überholen, die immer mal langsamer wird und dann wieder ohne ersichtlichen Grund normal fährt ist das schon blöd. Wenn diese Kolonne dann jedoch komplett zum Stillstand kommt und man tastet sich mit dem Motorrad langsam oder auch zügig ein bis zwei Kilometer weiter nach vorne und stellt fest, am Beginn der Kolonne fährt ein bosnischer Militärkonvoi. Und da alles steht, überholt man diesen Konvoi bis hinter das Führungsfahrzeug, das liegengeblieben ist und gerade versucht wird, von der Straße zu bekommen. Und man mit Motorrad nach kurzem Disput mit der bosnischen Militärpolizei weiterfahren darf, um den Weg für das Abschleppfahrzeug frei zu machen. Ja, das sind die Momente, in denen ich das Motorradfahren wirklich liebe.
Und eins was ich nicht verstehe: Wieso verdammt nochmal hat keiner Bosnien auf dem Schirm? Eine Landschaft, als ob jemand die Schweiz und Östereich vereint hätte. Gute Straßen und Kurven ohne Ende. Wenn die Anfahrt nicht so weit wäre ...
Kommentare
Einen Kommentar schreiben