Tallinn - Narwa
Nach einem etwas verschlafenem Morgen kehrten wir Tallinn den Rücken und brachten auf der Schnellstraße Richtung Osten schnell einige Kilometer hinter uns. Bei der ersten Möglichkeit die Schnellstraße zu verlassen, nutzten wir diese und nahmen eine Abzweigung mit Richtung auf den Lahemaa Nationalpark. Zum Einstieg konnten wir bei einem unvorhergesehenen Halt einen Wasserfall bestaunen, bevor es dann endgültig auf die Straße durch den Nationalpark ging. Hier überraschten uns mehrere kurvige Abschnitte, die vom Straßenbauer scheinbar für Motorradfahrer entworfen worden waren und im krassen Gegensatz zu den von uns bisher gefahrenen Abschnitten standen. Da ich die Route daheim am Rechner geplant hatte, fern jeder Kenntnis des Straßenzustandes, fanden wir uns auch auf einer Straße wieder, die in Deutschland als besserer Feldweg durchgegangen wäre. Nach mehreren Fehlversuchen des Navis uns durch zugewucherte Wege, Sackgassen und über Privatgrundstücke zu lotsen, entschied ich mich die Wahl des Weges der Himmelsrichtung zu überlassen. So fanden wir nach einiger Zeit wieder auf asphaltierte Strassen, die uns zur Schnellstrasse und damit zu unserem Tagesziel Narwa bringen sollten. Da wir dort zeitig eintrafen, konnten wir noch den deutschen Soldatenfriedhof aufsuchen, im Grunde das Motiv für die ganze Reise und die Planung. Hier wollte ich die Grabstelle meines Großvaters suchen, den ich nie kennengelernt habe und wenn mich jemand gefragt hätte, zu dem ich demzufolge auch keine Beziehung habe. Wer ähnlich denken sollte, dem empfehle ich solch eine Stätte aufzusuchen. Die ganzen Reihen mit Kreuzen abzulaufen, Namen über Namen, unbekannte Soldaten, immer mehrere pro Grabkreuz, 'Zwei unbekannte deutsche Soldaten', 'Sechs unbekannte deutsche Soldaten' und dazu die vielen Namen die auch aus unserer Region stammen könnten. Um die 15.000 deutschen Soldaten liegen hier in Narwa und es ist ein bedrückendes Gefühl diese vielen Namen zu lesen, von denen die meisten gerade mal 30 Jahre alt geworden sind. Im Grunde hatte ich die Hoffnung aufgegeben, den richtigen Namen zu finden, als ich auf einer Stele den Namen meines Großvaters las, einer unter vielen an diesem Denkmal, fein säuberlich nach Nachnamen sortiert.
Nachdem ich mich etwas sortiert hatte, begaben wir uns auf den Weg Richtung Hotel, vor dessen Eingangstür ich mich fragen musste, ob es geöffnet hat. Also nicht heute und jetzt, sondern überhaupt in den letzten 20 Jahren. Da das Zimmer aber schon vorgebucht war, probierte ich die Gängigkeit der Eingangstür aus und dahinter verbarg sich tatsächlich eine Hotellobby aus den 80er Jahren. Mit Hilfe des Google Dolmetschers konnte ich dann von der russischsprachigen Rezeptionistin die Zimmerschlüssel in Empfang nehmen. Mit einem Abendessen in einem kleinem Lokal um die Ecke beendeten wir dann den Tag und hingen noch unseren Gedanken nach.